default
left-lines-background left-lines-background

Als es noch kein Gas, kein elektrisches Licht und keine Wasserleitung gab

Es wird manchem Leser nicht recht einleuchten, dass es vor gut einem Jahrhundert in unserer Bergstadt noch keine öffentliche Wasser-, Strom- und Gasversorgung gab. Seit 1882 ist zwar von dem Bedürfnis Trinkwasser und Licht geredet worden, es kam jedoch in jenen Jahren nie zu einem ernsthaften Handeln. Wenn auch viele Einwohner mit der Petroleum- und Öllampe, mit dem Schein der Kerzen und Fackeln einerseits und mit einem guten Hausbrunnen andererseits auskommen konnten, so fragte man sich doch, ob die bequeme Beschaffung von Licht und Wasser nicht allgemein durch Einsparung von Mühe und Zeit als vorteilhafte Einrichtung gesehen werden konnte.

Diese Frage wurde allgemein bejaht, da die Nachbarstädte große Vorteile durch den Betrieb  städt. Gas- und Wasserwerke nachweisen konnten. Nur musste die Beschaffung von Licht und Wasser billig, den finanziellen Verhältnissen der in der Gemeinde lebenden rd. 9.000 Einwohner angepasst sein. Die vielfach geringe „Steuerfähigkeit“ der Handwerker und Gewerbetreibenden durfte man nicht aus dem Auge lassen.

Obwohl sich die Stadtverordnetenversammlung immer wieder mit diesem Thema befasste, kam es aus finanziellen Gründen zu keinem Ergebnis.

In der Stadtverordnetenversammlung am 23. Juli 1891 hält es Bürgermeister Klappert an der Zeit, noch einmal die Gas- und Wasserfrage zur Sprache zu bringen. Er trägt vor, dass der Wasserbau-Inspektor von Hagen festgestellt hat, dass für den Bau einer Wassergewinnungsanlage im Ülfetal genügend Grundwasser zur Verfügung steht, auch wenn sich die Stadt zehn- bis fünfzehnfach vergrößert. An dem günstigsten Punkt des Ülfetales, etwa von 4. Ülfe bis Ackermannsmühle, sollten verschiedene Sammelbrunnen und eine Pumpstation, die mit einer Dampfmaschine betrieben wird, angelegt werden. Von hier aus sollte das Wasser zu einem auf dem Telegraph (Kollenberg) zu errichtenden Wasserturm gepumpt werden. Der Inspektor ging davon aus, dass der natürliche Druck des Wassers für jeden Bedarf an allen Punkten der Innenstadt genügend stark sei. Ferner wurde angeregt, später die Anlage auf dem Telegraph mit einem Aussichtsturm zu versehen, um Touristen anzulocken.

Obwohl immer wieder seuchenartige Erkrankungen der Einwohner durch verdorbenes Brunnenwasser festzustellen waren, sprach sich die Bürgerschaft dafür aus, zunächst die Beleuchtungsfrage zu klären. Die Verwaltung informierte sich dort, wo schon Erfahrungen vorlagen. Etwa in Solingen. Auf eine entsprechende Anfrage im Jahre 1892 kam von dort postwendend die Antwort: “Die Beleuchtungsfrage bildet einen der wichtigsten Faktoren in unserem Kulturleben und ist für die Entwicklung der Städte von herausragender Bedeutung.“

Es kamen zwei Lichtquellen in Betracht: Gas und Elektrizität.

Der Stadtverordnete Otto Rocholl sprach sich für die Elektrizität aus, da nach seiner Meinung die Dampfmaschine der Wasserpumpstation nach Befüllen des Wasserturmes einen Generator zum Lichterzeugen bis Mitternacht antreiben könnte. Die Elektrizitätserzeugung würde dann nur wenige Kosten für Kohle und sonstige Betriebskosten verursachen und billigste Abgabe von Licht und Kraft ermöglichen. Damit zu jeder Stunde Elektrizität zur Beleuchtung und zum Motorenbetrieb vorhanden ist, wurde vorgeschlagen, in der Stadt große Akkumulatorenbatterien aufzustellen.

Die Mehrheit der Stadtverordneten folgte jedoch den Vorschlägen von Bürgermeister Kloppert, der den Bau eines eigenen Gaswerkes favorisierte und breite Unterstützung und Zuspruch von den Einwohnern erhielt.

Am 5. Mai 1892 beschloss die Stadtverordneten-Versammlung, eine eigene „Gasanstalt“ mit Eisenbahnanschluss für die Anlieferung von Steinkohle am jetzigen Standort der Stadtwerke Radevormwald GmbH zu bauen. Bereits am 14. September wurde der Bauauftrag vergeben. Der erste Gasmeister Adolf Herminghaus wurde am 1. August 1893 eingestellt, am 16. Oktober 1893 legte der Stadtrat die Allgemeinen Bedingungen fest – die Geburtsstunde der Radevormwalder Gasversorgung.

Mit der Inbetriebnahme der Eisenbahnverbindungen 1890 nach Barmen-Rittershausen (heute Oberbarmen) und Lennep und mit dem Beginn der Erzeugung von Stadtgas in 1894 begann in Radevormwald ein neues Zeitalter.

In den Folgejahren, die Anzahl der Einwohner in der Stadtgemeinde war zwischenzeitlich auf über 10.000 gestiegen, machte sich bereits nach wenigen heißen Sommertagen vielfach Wassermangel unangenehm bemerkbar. Viele Bürger waren gezwungen, das Wasser für den Hausbedarf aus näher und weiter gelegenen Nachbarbrunnen zu holen. Die öffentlichen Brunnen auf dem Marktplatz wurden bei Wasserknappheit geschlossen, um Löschwasser vorzuhalten.

Da es auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch keine Abwasserleitungen und Kläranlagen gab, wurden in der Stadt die Fäkalien in vielen Aborten und sogenannten Düngestätten gesammelt und später abgefahren. Da diese Gruben nicht ausgemauert waren, versickerte die Flüssigkeit im Erdreich und verunreinigte die in der Nähe befindlichen Brunnen.

Mit einem dramatischen Aufruf „Städt. Wasserleitung“ wendet sich der damalige Bürgermeister Hüsgen am 17. Juni 1896 in der Radevormwalder Zeitung an die Bürgerschaft und macht schonungslos auf die bestehenden hygienischen Gefahren aufmerksam, dass hier fast regelmäßig auftretende Krankheiten sehr wohl auf den Genuss anscheinend klaren und gesunden, in Wirklichkeit aber in Folge vorgenannter Übelstände verdorbenen Wassers zurückzuführen sind. Der Bürgermeister bestätigt, dass viele Brunnen mit gesundheitsschädlichem Wasser eigentlich polizeilich geschlossen werden müssten.

Ferner weist er auf die große Gefahr für Leben und Eigentum der Bürger im Falle eines Brandes hin. „Möge sich die geehrte Bürgerschaft stets vor Augen halten, dass die Schrecken der Feuersbrunst schon wiederholt über unser Städtchen hereingebrochen sind“, so der Bürgermeister und erinnert an die Stadtbrände vom 17. Juli 1525, 7. Juni 1571 und 24. August 1802.

„Von allen einsichtigen Bürgern muss endlich anerkannt werden, dass die Anlage einer Wasserleitung heute eine Lebensfrage für die gedeihliche Fortentwicklung unserer Stadt geworden ist. Reichliches und gutes Wasser spielt in den verschiedenen Industriezweigen eine wichtige Rolle!“ betont der Bürgermeister und rechnet vor, dass sich von 230 Häusern im engeren Stadtbezirk 200 sofort anschließen müssten, um die Rentabilität des Werkes zu sichern.

Abschließend lädt der Bürgermeister alle Mitbürger, welche ein Herz für den Fortschritt der Gemeinde haben, namentlich alle Hausbesitzer und Mieter, zu einer Besprechung am 18. Juni 1896 in die oberen Räume des Hotels Engelbert Fasbender in der Kaiserstraße ein. Die Bürgerversammlung hat sehr viel zur Klärung der Einrichtung einer öffentlichen Trink- und Löschwasserversorgung beigetragen. Niemand bezweifelt mehr die Notwendigkeit und Nützlichkeit der Anlage.

Es wird eine Kommission gewählt, die aus folgenden Bürgern besteht: Bürgermeister Hüsgen, Ernst Ludwig Buschhaus, Richard Hahne, Cords, E. Meskendahl, Crone und Aug. Selbeck.

Aufgabe der Kommission ist es, anschlusswillige Hauseigentümer und Gewerbetreibende zu ermitteln und bei der Tarifbildung darauf zu achten, dass die Lasten gleichmäßig verteilt werden, wobei auf die Erfahrungen bereits bestehender städt. Wasserleitungen in Barmen, Elberfeld, Lennep, Cronenberg, Solingen, Remscheid, Velbert und Altena zurückgegriffen werden soll.

Beschlussfassung über das Projekt einer Wasserleitung für die Stadt:
Es vergingen noch weitere zwei Jahre, bis unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Hochstein am 11. Oktober 1898 eine Stadtverordneten-Versammlung stattfand, in welcher der Bürgermeister berichten konnte, dass der erfahrene Civilingenieur Glaß aus Barmen, der bereits Wasserwerke in Ohligs, Hilden, Lobberich und Barmen projektiert und die Ausführung überwacht hat, zu Rate gezogen worden ist. Ingenieur Glass schlug die Wasserentnahme aus dem wasserreichen Bevertal, nahe der Ortschaft Stoote, in unmittelbarer Nähe des Talbeckens der im Oktober 1890 fertiggestellten Bevertalsperre vor. Der Herstellungsaufwand des Grundwasserwerkes wird mit 120.000 Mark und die jährlichen Betriebskosten mit 7.200 Mark veranschlagt. Sollten wider Erwarten in den ersten Jahren die Einnahmen aus dem Verkauf von Wasser nicht ausreichend sein, so werden die Fehlbeträge von der Stadt ausgeglichen, da sich durch den Wegfall von Löschwasserbrunnen und Wasserbassins Kosteneinsparungen ergeben.

Auf Vorschlag der Finanz-Commission beschließt die Stadtverordneten-Versammlung einstimmig, Ingenieur Glaß mit der Ausführung der Anlage zu beauftragen. Die Bauzeit wird mit zwei Jahren veranschlagt. Als Vergütung erhält Ingenieur Glaß 4,85% der Kostenanschlagssumme und eine Entschädigung von 10 Mark je Dienstreise.

zurück